Aufgeschnappt: Saab Gripen im Sturzflug

Gestern Abend titelte der Sonntag in einem Artikel, dass kein Schweizer Pilot den Gripen E/F – welcher vom Bundesrat als Tiger Teilersatz erkürt wurde – je geflogen hatte. Faktisch fand damit nie eine praktische Evaluation des Gripen E/F statt, auf dem eine realistische Evaluation basieren könnte. Mehr noch existiert bis zum jetzigen Zeitpunkt vom Gripen E/F nur ein einziger Demonstrations-Kampfjet. Diese Punkte waren jedoch kein Geheimnis und spätestens mit der Überarbeitung des Artikels “Tiger Teilersatz: Saab JAS-39 Gripen” im Juni 2010 war dies auch hier auf offiziere.ch zu lesen: “Die Armasuisse selber hat das MS 19 [(Gripen C/D)] evaluiert, da es sich jedoch beim MS 21 [(Gripen E/F)] nicht um ein neues Flugzeugdesign, sondern um eine technologische Verbesserung handelt, akzeptierte die Armasuisse die finalisierte Offerte”. Nur die Begründung für diesen Entscheid wandelte sich offensichtlich, denn gemäss Res Schmid, damals Cheftestpilot und heute Berater im Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) “war nicht geplant, ihn zu fliegen, weil noch nicht alle Systeme fertig integriert waren und der Demonstrator nur ein Einsitzer ist” (Quelle: Othmar von Matt, “Kein Schweizer flog neuen Gripen“, Der Sonntag, 11.02.2012). Gemäss Sebastian Hueber, Sprecher VBS steht die Evaluation und Beschaffung von noch in Entwicklung stehenden Kampfflugzeugen im Widerspruch zur Strategie der Armasuisse. Schon im letzten Artikel wurde festgestellt, dass demnach auch der zu beschaffende Gripen E/F im Widerspruch zur Beschaffungsstrategie steht, denn dieser befindet sich ebenfalls noch in der Entwicklung – Parallelen zur Mirage-Affaire drängen sich bereits jetzt auf (vgl.: René Zeller, “Bruchpiloten“, NZZ, 09.02.2012).

Im Gegensatz zum Sonntag veröffentlichte die Sonntagszeitung heute Nacht Auszüge aus den Evaluationsberichten der Luftwaffe. Darin schnitt der Saab Gripen C/D in der Evaluation von 2008 mit Abstand schlechter als seine Mitkonkurrenten Dassault Rafale und Eurofighter und sogar noch schlechter als der momentan in der Schweizer Luftwaffe eingesetzte McDonnell Douglas F/A-18C/D ab. Auch in der für die Schweiz überaus wichtigen Kategorie “Air Policing” (Militärische Luftraumüberwachung oder in der Schweiz Luftpolizeidienst) erreichte der Gripen C/D die Mindestanforderungen nicht. Die Luftwaffe hält es sogar für möglich, dass der Gripen unfähig sei, Luftpolizeimassnahmen mit Erfolg durchzuführen (und dies sogar bezogen auf den Gripen E/F). Beinahe durchgehend am besten schnitt der Dassault Rafale ab und wurde deshalb von der Luftwaffe als erste Wahl für den Tiger Teilersatz vorgeschlagen (die zweite Wahl fiel auf den Eurofighter). Nicht ohne Grund entschied sich Indien im Rahmen der MMRCA Ende Januar für die Beschaffung von 126 Rafale für rund 12 Milliarden US-Dollar (Quelle: “Indien zieht Kampfjet Rafale dem Eurofighter vor“, wirtschaft.ch, 31.01.2012). Der Saab Gripen flog bereits im April 2011 mit anderen Konkurrenten aus der indischen Kampfjet-Evaluation raus.

Quelle: Titus Plattner, "Gripen: Sechsmal Note ungenügend", Sonntagszeitung, 12.02.2012, p.3.

Quelle: Titus Plattner, "Gripen: Sechsmal Note ungenügend", Sonntagszeitung, 12.02.2012, p.3.

Der Gripen C/D schnitt insbesondere wegen seiner geringeren Leistung und Durchhaltefähigkeit ungenügend ab – alles Punkte, welche beim Gripen E/F hätte verbessert werden sollen. Insbesondere das neue General Electric F414G Mantelstromtriebwerk (25% mehr Schub als beim Gripen C/D) und die Vergrösserung des Tankraums um rund 40% würde für eine höhere Leistung und eine höhere Durchhaltefähigkeit sprechen. Aber anscheinend wurde mit den Verbesserungen der Gripen E/F auch schwerer als sein Vorgänger (Quelle: Othmar von Matt, “Kein Schweizer flog neuen Gripen“, Der Sonntag, 11.02.2012). Werden die Zahlen der verschiedenen Bewerber (Saab Gripen, Dassault Rafale und Eurofighter) auf dem Papier verglichen, so konnte bis zum jetzigen Zeitpunkt angenommen werden, dass die Schweizer Luftwaffe mit dem Gripen E/F einen relativ günstigen, leistungsfähigen und für Schweizer Bedürfnisse absolut ausreichender Kampfjet erhalten würde. Dem widerspricht jedoch der von der Sonntagszeitung veröffentlichte Evaluationsbericht vom November 2009. Er hält fest, dass der Gripen E/F trotz seiner Verbesserungen in allen Bereichen das Schlusslicht darstellt und die Anforderungen nicht erfüllt. Inwieweit dies im November 2009 bereits beurteilt werden konnte, bleibt offen, denn diese Einschätzungen basiert auf eine rein technische Evaluation – wie bereits weiter oben erwähnt, geflogen wurde der Gripen E/F nie. Nun zeigt sich wie fatal der Entscheid war, mit dem Gripen E/F keine Testflüge und keine praktische Evaluation durchzuführen: ihm fehlt nun der Praxisbeweis, dass er die Mindestanforderungen erfüllen könnte. Auch die Luftwaffe schreibt in ihrem Bericht, dass im Falle einer Wahl des Gripen E/F, Testflüge im Bereich Luftpolizeidienst durchgeführt werden sollten.

Um den Tiger Teilersatz politisch zu ermöglichen, braucht es eine breite Front von Unterstützer, denn das dazu benötigte Geld muss nicht nur innerhalb des VBS, sondern auch bei den anderen Departementen eingespart werden (vgl.: “Kampfjet-Kauf: Bund schnallt sich Spargürtel um“, Schweizer Fernsehen, 01.02.2012). Bereits die teilweise harsche Kritik über den Typenentscheid einiger Tiger Teilersatz befürwortenden Politiker hilft der Sache nicht unbedingt. Die Veröffentlichung der ungenügenden Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Gripen in den Evaluationsberichten lässt über einen erfolgreiche Abstimmung im Parlament Zweifel aufkommen – geschweige denn in einer Volksabstimmung. Will der Bundesrat den Tiger Teilersatz retten, so muss er eine neue Lagebeurteilung durchführen. Noch scheint es dazu nicht zu spät zu sein, denn gemäss einem Artikel der NZZ unterbreitete Dassault der Sicherheitspolitischen Kommission 18 Rafale für 2,7 Milliarden Schweizer Franken – wobei jedoch nicht von einer Offerte gesprochen werden könne (vgl.: Lukas Mäder, “Der Gripen könnte deutlich billiger werden“, 20 Minuten, 10.02.2012).

Weitere Informationen

  • Ein Interview mit dem ehemaligen Berufsmilitärpilot, SVP-Nationalrat und Präsident der Subkommission “Tiger Teilersatz” Thomas Hurter: Hubert Mooser, “Die Berichte sind halt doch die Filetstücke der Evaluation“, Tagesanzeiger, 13.02.2012.
  • Nun kennt Bundesrat Ueli Maurer die beiden veröffentlichten Berichte doch. Die Sonntagszeitung habe die Sache als neue Geschichte verkauft, deshalb dachte er, dass es sich dabei um etwas völlig neues handelte. Er habe erst am Montag gemerkt, dass es sich um die Berichte handelte, die von der Basler Zeitung im November schon zitiert wurden. Ich möchte hier nochmals anmerken, dass die Berichte seit Sonntag Morgen früh über die Website der Sonntagszeitung downloadbar waren – aber womöglich war der “Internetausdrucker” in den Ferien…. (vgl.: Hubert Mooser, “Es wird weitere Störmanöver geben“, Tagesanzeiger, 14.02.2012).
  • Bundesrat Maurer würde ein neues Angebot von Rafale prüfen.
  • Medienmitteilung des VBS vom 14.02.2012 (!!): “Gripen ist die optimale Lösung für die Schweizer Armee“. Eine Erklärung für die wiedersprüchlichen Evaluationsberichte des Wochenende ist darin nicht zu finden.
  • Bundesrat Maurer will nun doch keine neue Offerte prüfen; Konkurrenzofferten zum Grippen sind rund 1 Milliarde teurer; die Ursprungsstaaten aller drei Kampfjets waren bereit zu einer militärischen Zusammenarbeit aber nicht zu Gegengeschäfte politischer Natur; Bundesrat Maurer vermutet, dass die Indiskretionen aus dem VBS kam (nur 14 Exemplare wurde jemals ausgegeben). Ein schon längst überfälliges Interview mit Bundesrat Maurer: Markus Häfliger, “Konkurrenz-Jets sind eine Milliarde teurer“, NZZ, 18.02.2012.
  • Es ist alles schon einmal da gewesen. Ein Blick in die Geschichte der Beschaffung von Kampfflugzeugen zeigt: Druck aus den Herstellerländern führt dazu, dass die Schweiz nicht immer den besten Jet erwirbt: Sepp Moser, “Warum die Schweiz den zahnlosen Tiger kaufte“, NZZ, 19.02.2011.

In der ersten Maiwoche gehen ein Test- und ein Luftwaffenpilot nach Schweden und machen innerhalb von vier Tagen je zwei Flüge und werden den neusten Stand des Gripen verifizieren. — Markus Gygax, Kommandant Schweizer Luftwaffe zitiert in Joël Widmer und Titus Platner, “Gygax distanziert sich vom eigenen Urteil“, Sonntagszeitung, 19.02.2012.

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8 Responses to Aufgeschnappt: Saab Gripen im Sturzflug

  1. zala boris says:

    Non solo con il Mirage affäre,ma anche con l`acquisto dei vecchi Hunter ci fu una decisione politica all`allora presidente confederazione nello celio e il comandanta dell`aviazione diede le dimissioni per protesta.Il Rafale si sa che é superiore sotto ogni aspetto,se poi il gripen si possa migliorarlo non so,ma da come ho capito,ci sono politici e molti in molti settori che non guardano al bene della Svizzera ma alle loro industrie!Una bella faccia tosta.Boris

  2. Martin says:

    Mal sehen, ob die Rafale-Beschaffung in Indien durchgeht … jedenfalls sollte sich die Rafale nur beschaffen, wenn ähnliche Gegengeschäfte wie in Indien möglich sind – damit meine ich Gegengeschäfte politischer Natur und nicht die bei Beschaffungen in diesem Bereich üblichen Gegengeschäfte nahe an der Korruption.

  3. Hammond says:

    Eventuell hat da auch der zeitliche Druck zu diesen unschönen Durcheinander geführt.

    Auszug aus der SiK-N Medienkonferenz vom 26.08.2011:

    “Die neuen Kampflugzeuge sollten aber rasch beschafft werden. Zum einen wegen des schwachen Euros, zum anderen, weil die Offerten der Hersteller nur noch bis Ende Jahr gültig seien.”

    Aus meiner Sicht sollte hier ein günstiger F-5 Nachfolger ausgewählt werden, was natürlich einen zwei-flotten high-low Strategie beinhaltet. Ein in der Flugstunde günstiges und wartungsarmes Flugzeug ist für den Luftpolizeidienst in den vielbeflogenen Luftkorridoren über der Schweiz ökonomisch gesehen keinesfalls eine schlechte Wahl – zumal auch in Krisenzeiten der Luftpolizeidienst nötig ist.

    Sollte nun gar kein Flugzeug beschafft werden, so hoffe ich, dass wir wenigstens bald ein modernes Fliegerabwehrsystem beschaffen, welches bis in mindestens 16’000 Meter Höhe Schutz bietet. Die Kosten dazu sollten unter einer Milliarde liegen. Andernfalls schätze ich die Luftabwehrfähigkeiten in den nächsten 10-15 Jahren als eher unglaubwürdig ein.

  4. froschn says:

    Ich bin einigermassen über die enormen Presidifferenzen erstaunt, die offensichtlich beim “gleichen” Flugzeug vorkommen können: “New Delhi announced this week that it would buy 126 of Dassault’s Rafale fighter jets worth $10 billion instead of Eurofighter Typhoons.” (http://atlanticsentinel.com/2012/02/frances-dassault-to-sell-fighters-to-brazil-india/) Und der Schweiz bietet Dassault angeblich 18 Flugzeuge für 2.7 Milliarden Franken an. Kann mir mal jemand erklären, wie dieser Preisunterschied zustande kommt?

    • Der Preis der 126 Dassault Rafale für Indien schwankt je nach Quelle zwischen 10-12 Milliarden US-Dollar. Das macht 79-95 Millionen US-Dollar pro Maschine. Im Falle der Schweiz würden angeblich 18 Rafale 2,7 Milliarden SFr kosten, was einem Stückpreis von rund 163 Millionen US-Dollar (150 Millionen SFr) entsprechen würde (ursprünglich offerierte Dassault der Schweiz den Rafale für rund 180 Millionen Sfr pro Stück).

      Die für die Französische Marineflieger und die Französische Luftstreitkräfte vorgesehenen 286 Rafale (wobei es sich dabei um verschiedene Typen handelt) kosten 40,69 Milliarden Euro, was einem Stückpreis von rund 187 Millionen US-Dollar entspricht (Quelle: “Rapport public annuel 2010“, Cour des comptes, Februar 2010, p.50). Dieser Stückpreis reflektiert die wahren Kosten, inklusive Entwicklung – demgegenüber beziffert der französische Senat die reinen “fly-away” Kosten (also ohne Entwicklung, Radar, Bewaffnung, Betriebsaufwand usw.) typenunabhängig mit 64-70 Millionen Euro (84-95 Millionen US-Dollar) pro Stück (Quelle: “Défense – Equipement des forces“, Sénat, 20.11.2008, p.74).

      Dies zeigt einmal mehr, dass das Preisschild eines Kampfflugzeugs stark von den eingerechneten Kosten abhängt. Im Falle der Schweiz handelt es bei den 3,1 Milliarden SFr (153 Millionen US-Dollar pro Stück) für den Gripen E/F um Systempreise inklusive einen Anteil Betriebskosten, einen Risikobetrag von 5% und einen Betrag für die Beteiligung an der Weiterentwicklung des Saab Gripen. Im Gegensatz dazu handelt es sich beim Preis der Rafale für Indien um “fly-away” Preise, ohne Radar, Waffen, Ausbildung, Betriebskosten usw. Im Falle Indiens noch verzwickter ist die Tatsache, dass nur 18 Rafale tatsächlich flugfertig in Frankreich produziert werden, die übrigen 108 Stück werden (wenigstens teilweise) in Indien gefertigt (Quelle: “Request for Proposal for 126 Medium Multi-Role Combat Aircraft Issued“, Medienmitteilung des Indischen Verteidigungsministerium, 28.08.2007).

      The ultimate value of the deal could be two to three times higher than the initial $10 billion to $11 billion outlay once 30 to 40 years of through-life support, and extra planes, are factored in. — Trefor Moss, “Indian Military Goes French“, The Diplomat, 05.02.2012.

      Weiter ist zu berücksichtigen, dass der Export des Rafale für Frankreich überaus wichtig ist (auch hinsichtlich des noch offenen Entscheids bei der brasilianischen F-X2 Kampfjet-Evaluation mit einem offerierten Stückpreis von rund 140 Millionen US-Dollar pro Maschine sowie bei Kampfjet-Beschaffungen in Kuwait, Katar und in den Vereinigten Arabischen Emiraten). Es ist also möglich, dass der Export des Dassault Rafale nach Indien für Frankreich so wichtig ist, dass er quasi zum “Selbstkostenpreis” abgeben wird (es geht dabei vordergründig auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen und schliesslich um die diesjährigen Präsidentsschaftswahlen; vgl.: “France hails India jet deal as vote of confidence“, AFP, 31.01.2012). Ausserdem kann momentan nicht abgeschätzt werden, ob zusätzlich zum Kaufpreis wirtschaftliche oder politische Gegengeschäfte zwischen Indien und Frankreich vereinbart wurden.

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