Propellermaschinen statt Kampfjets? Umdenken bei der US-Luftwaffe!

von Björn Müller (Facebook / Twitter; English version). Er ist Journalist in Berlin mit dem Schwerpunkt Sicherheits- und Geopolitik. Dieser Artikel basiert auf dem Manuskript der NDR-Sendung “Streitkräfte und Strategien” vom 22.04.2017 — der dazugehörige Podcast befindet sich hier.

Das Militär setzt immer mehr auf High-Tech. Das ist nicht nur teuer. Moderne Waffensysteme sind auch komplex und sehr anfällig für Störungen. Die Luftwaffe der Deutschen Bundeswehr kann ein Lied davon singen. Die US-Streitkräfte haben allerdings jetzt für bestimmte Szenarien ein längst überholt geglaubtes Militärgerät ganz neu entdeckt: leichte Propeller-Kampfflugzeuge.

In einem abgelegenen Gebiet am Hindukusch: Kampfpiloten der afghanischen Streitkräfte trainieren mit ihren Maschinen vom Typ Super Tucano unter Anleitung von US-Ausbildern, Taliban-Einheiten am Boden anzugreifen. Das Besondere: Diese Super Tucanos sind keine High-Tech-Düsenjets, sondern kleine Propeller-Maschinen – ein Kampfflugzeug-Typ, der seine Hochphase im Zweiten Weltkrieg hatte und bisher als längst veraltete Kriegstechnik galt. Doch Propeller-Maschinen erleben gegenwärtig eine Renaissance. Für den Kampf gegen die Taliban haben die USA die afghanische Luftwaffe mit vier dieser Flugzeuge ausgerüstet, weitere 16 sollen folgen.

Die US-Luftwaffe überlegt mittlerweile selbst, im größeren Stil leichte Propeller-Kampfflugzeuge einzuführen. Momentan führen interessierte Hersteller ihre leichten Propeller-Kampfflugzeuge auf dem Stützpunkt Holloman in New Mexiko vor (siehe hier, hier und hier). Der Befehlshaber der US-Luftwaffe, General David Lee Goldfein, ist ein glühender Befürworter dieses Vorhabens:

Das ist eine grossartige Idee – wir führen nun schon seit 15 Jahren Militäroperationen im Mittleren Osten, kämpfen zusammen mit Verbündeten. Und deshalb müssen wir uns weiter engagieren und schauen, wie wir diesen Einsatz gegen den gewalttätigen Extremismus weiter führen und durchhalten. [..] Wir sind gerade dabei, einen Versuch zu starten, bei dem wir die Industrie angesprochen haben: Habt ihr was auf dem Markt, damit wir diese Mission erfüllen können? Direkt aus dem Lager, mit niedrigen Kosten? Und dann werden wir ausprobieren, ob das klappt. — General David Lee Goldfein, Anfang des Jahres auf einer Veranstaltung in Washington zur Zukunft der US-Luftwaffe, organisiert vom Think Tank American Enterprise Institute (Future of American Airpower: Conversation w/ Chief of Staff A.F. Gen. David Goldfein, 2017, ab 39’30”).

Der Einsatz von Propeller-Maschinen ist für den Vorsitzenden des Verbandes der Jetpiloten der Bundeswehr, Thomas Wassmann, aus militärischer Sicht durchaus sinnvoll:

Sie müssen sich vorstellen, ein Kampfjet, der im Angriff ist, der wird irgendwo zwischen 700 bis 900 Stundenkilometer schnell sein. Die Propellermaschinen bewegen sich da ungefähr bei einem Drittel der Geschwindigkeit. Das heisst, sie können wesentlich genauer das Zielgebiet beobachten. Sie haben mehr Zeit, das Ziel ins Visier zu nehmen; weil sie nicht so schnell vorbei sind. Sie haben die Möglichkeit, wesentlich tiefer zu fliegen, in einem Gelände, das sehr gebirgig und sonst wie mit Hindernissen bebaut ist. Das sind schon einige Vorteile. — Thomas Wassmann.

Zwei A-29 Super Tucanos der brasilianischen Luftstreitkräfte fliegen über den Regenwald am Amazonas.

Zwei A-29 Super Tucanos der brasilianischen Luftstreitkräfte fliegen über den Regenwald am Amazonas.

Für Hermann Hagena, Ex-Luftwaffengeneral und früher selbst Kampfpilot der Bundeswehr, sind Propellermaschinen in einigen Punkten selbst Drohnen überlegen:

Da ist zu sagen, dass die Drohne sehr viel anfälliger gegen Luftverteidigung vom Boden ist. Denn die Drohne fliegt normalerweise, wie der Flieger sagt “straight on level”, also geradeaus; ohne gross zu gucken oder auszuweichen. Und ein Flugzeug wie die Super Tucano, die ist wesentlich überlebensfähiger als jede Drohne. Und sie hat den zusätzlichen Vorteil, dass der Flugzeugführer, das, was er aktuell sieht, sofort an den Verband am Boden, der mit dieser Bedrohung zu tun hat, melden kann. — Hermann Hagena.

All diese Fähigkeiten sind notwendig, wenn militärische Operationen in asymmetrischen Kriegen erfolgreich sein sollen. Es geht nicht mehr darum, Städte anzugreifen oder Massen feindlicher Kampfflugzeuge abzufangen. Stattdessen soll die Luftwaffe Spezialeinheiten dabei unterstützen, Gegner aufzuspüren und auszuschalten, die meist in kleinen Gruppen Anschläge verüben und sich anschließend sofort zurückziehen, wie beispielsweise die Taliban oder zum Teil auch die Terrororganisation “Islamischer Staat“.

Für solche Counterinsurgency-Operationen, wie es im US-Militärjargon heisst, also “Operationen zur Aufstandsbekämpfung” möchte die US-Luftwaffe künftig gerne auf Propeller-Maschinen zurückgreifen. Schliesslich sind die US-Regierung und das Militär davon überzeugt, dass der Krieg gegen den Terrorismus noch Jahre dauern wird.

Die Anschaffung von Propeller-Maschinen für das Militär ist aber noch aus einem weiteren Grund attraktiv, sagt der ehemalige Luftwaffengeneral Hermann Hagena:

Wenn man überhaupt weiter Krieg führen will, in modernen Volkswirtschaften, dann muss man versuchen -, jedenfalls für die asymmetrischen, für die kleinen Konflikte wie Jemen, Afghanistan, Syrien – mit den Anforderungen an die Systeme runter zu gehen. Und eines der Mittel runterzugehen, ist eben das Propeller-Flugzeug. — Hermann Hagena.

Propeller-Maschinen sind bei der Beschaffung und auch beim Unterhalt erheblich günstiger als Düsenflugzeuge. Die Stückkosten für den modernen Kampfjet Lockheed Martin F-22 Raptor, gibt die US-Luftwaffe mit satten 140 Millionen US-Dollar an. Eine Propellermaschine vom Typ Beechcraft T-6 Texan II kostet dagegen nur 4,2 Millionen. Die T-6 wird von der US-Luftwaffe und auch von der Deutschen Bundeswehr als Ausbildungsflugzeug für junge Piloten genutzt. Der Hersteller Beechcraft versucht nun, der US-Luftwaffe eine bewaffnete Version anzubieten.

Eine originale, aus dem Zweiten Weltkrieg stammende T-6A Texan (vorne rechts) fliegt mit einer neuen U.S. Airforce T-6 Texan II während einer Flugshow auf dem Randolph Air Force Stützpunkt in Texas im November 2007 (Foto: Steve White / U.S. Air Force).

Eine originale, aus dem Zweiten Weltkrieg stammende T-6A Texan (vorne rechts) fliegt mit einer neuen U.S. Airforce T-6 Texan II während einer Flugshow auf dem Randolph Air Force Stützpunkt in Texas im November 2007 (Foto: Steve White / U.S. Air Force).

Wegen der geringen Kosten gibt es für Propeller-Kampfflugzeuge bereits einen Nischenmarkt. Vor allem kleinere Staaten, die direkt in asymmetrische Konflikte verwickelt sind, haben solche Maschinen gekauft. So jagen in Kolumbien und Peru die Luftstreitkräfte mit Super Tucanos im Amazonasgebiet Kurierflugzeuge von Drogenschmugglern. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen im libyschen Bürgerkrieg die ihnen genehme Konfliktpartei mit einer Staffel von Propeller-Maschinen – geflogen von Söldnern.

Die unwirtlichen Kriegsschauplätze asymmetrischer Konflikte, meist in Failing States oder Entwicklungsländern ohne nennenswerte Infrastruktur, sprechen ebenfalls für Propellermaschinen. Denn anders als High-Tech-Kampfflugzeuge sind diese Maschinen sehr robust. Thomas Wassmann vom Verband der Jet-Piloten der Bundeswehr:

Sie haben halt ein relativ einfach aufgebautes Triebwerk, so dass sie mit Standard-Werkzeug auch zur Not mal am Rand einer Huckelpiste, wenn sie da landen können, reparieren können. Beim Kampfjet da kommen die [Techniker] erst mal alle angerollt, mit irgendwelchen Laptops und sonst wie und lesen erst mal die Maschine aus, wo denn der Fehler sein könnte. Weil er in der Regel ja nicht mechanisch ist, an irgendeinem Bauteil, sondern weil es sich um einen Elektronik- Softwarefehler oder sonst was handelt. — Thomas Wassmann.

Militärisch effektiv, kostengünstig und unkompliziert – für die US-Streitkräfte macht es durchaus Sinn, für asymmetrische Konflikte Propeller-Kampfmaschinen zu beschaffen. Ob es dazu kommt, ist aber noch völlig offen. Zwar macht sich der einflussreiche US-Senator John McCain, Vorsitzender des Streitkräfteausschusses des Senats, dafür stark, ab 2022 300 solcher Maschinen zu kaufen. Allerdings kam es bereits bei Beschaffung der wenigen Propeller-Kampfmaschinen für die afghanischen Streitkräfte zu einer heftigen Lobbyschlacht zwischen den Anbietern. Die US-Luftwaffe bzw. das Pentagon mussten gegen den US-Hersteller Beechcraft klagen, der mit seinen angebotenen T-6-Maschinen nicht zum Zuge gekommen war, um die brasilianischen Super Tucanos für Afghanistan kaufen zu können. Obwohl die Kaufentscheidung bereits 2011 fiel, verzögerte sich dadurch die Auslieferung der Maschinen an die Afghanen um fast fünf Jahre.

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