Muslimische Militärseelsorge in der deutschen Bundeswehr?

von Prof. Dr. theol. habil. Thomas R. Elßner, Pastoralreferent am Katholischen Militärpfarramt Koblenz III, Zentrum Innere Führung. Dieser Artikel gibt ausschließlich die Meinung des Verfassers wieder. Die Fotos wurden von offiziere.ch hinzugefügt.

Kareem Rashad Sultan Khan, 20, ist einer von vier muslimischen US-Soldaten, die in Iraq bzw. Afghanistan ums Leben gekommen sind und auf dem Arlington National Cemetery beerdigt wurden.

Kareem Rashad Sultan Khan, 20, ist einer von vier muslimischen US-Soldaten, die in Iraq bzw. Afghanistan ums Leben gekommen sind und auf dem Arlington National Cemetery beerdigt wurden.

Nach offiziösen Schätzungen dienen rund 1’500 Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens in der deutschen Bundeswehr. Die meisten von ihnen haben einen sogenannten Migrationshintergrund. Dies bedeutet, dass in der Regel die Eltern bzw. ein Elternteil aus einem muslimisch geprägten Staat nach Deutschland gekommen ist, der Sohn bzw. die Tochter in Deutschland geboren ist und zugleich die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Denn allein die, welche die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, können in der deutschen Bundeswehr dienen (Anm. v. offiziere.ch: jedenfalls momentan noch). Außerdem kommen nach der Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 jetzt nur noch Freiwillige zur Bundeswehr. Von daher weiß grundsätzlich jede Person, die in die Bundeswehr eintritt, worauf sie sich einlässt, nicht zuletzt auch in Bezug auf die je eigene Religion.

Seit dem Jahr 2012 gibt es aufgrund eines verbindlichkeitstragenden Auftrages aus dem Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages Überlegungen und Pläne, beispielsweise muslimische Militärseelsorge auch in der deutschen Bundeswehr anzubieten. Die allgemeine Basis hierfür bieten das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 4 (Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit) sowie die ehemalige Zentrale Dienstvorschrift 10/1 “Innere Führung: Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr“, aus dem Jahr 2008, jetzt Zentrale Dienstvorschrift A-2600/1 genannt.

Im Artikel 4 des Grundgesetzes heißt es:

  1. Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
  2. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
  3. Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Darauf bezugnehmend steht unter anderem in der Zentralen Dienstvorschrift A-2600/1:
670. Alle Soldatinnen und Soldaten haben einen gesetzlichen Anspruch auf Seelsorge und ungestörte Religionsausübung.
[…]
674. In der Bundeswehr sind Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit für alle Religionsgesellschaften und Weltanschauungsgemeinschaften gewährleistet. […].

Während es in Deutschland bereits im Ersten Weltkrieg ein Feldrabbinat gegeben hat — eine Institution, die nach dem Ersten Weltkrieg nicht fortgeführt worden ist — stellt eine mögliche Einstellung eines Militärimams für Deutschland im allgemeinen und für die deutsche Bundeswehr im besonderen ein Novum dar.

Dr. Aron Tänzer, als Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg.

Dr. Aron Tänzer, als Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg.

Die Kriterien hingegen, die ein anzustellender Militärimam zu erfüllen hat, sind insofern nicht neu, als diese ebenso für einen evangelischen oder katholischen Militärseelsorger seit Beginn der Militärseelsorge in der Bundeswehr gelten. Diese sind vor allem: Ein muslimischer Militärseelsorger für die deutsche Bundeswehr soll die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Er besitzt einen in Deutschland erworbenen Hochschulabschluss in islamischer Theologie (nicht in Islamwissenschaft) bzw. einen in Deutschland anerkannten Hochschulabschluss in islamischer Theologie. Er beherrscht die deutsche Sprache in Wort und Schrift. Ein muslimischer Militärseelsorger besitzt eine ausreichende pastorale Praxis, hat also Gemeindeerfahrung; ist mit Zustimmung eines islamischen Verbands bzw. von einem Moscheeverein in Deutschland [Deutsche Islamkonferenz (DIK)] in die Bundeswehr entsandt und seitens dieser ebenfalls akzeptiert. Letzteres bezieht sich auch auf eine damit implizierte und erfolgreich abgeschlossene Sicherheitsüberprüfung.

Islamische Gemeinden haben sich in Deutschland zum Teil in Form von Dachverbänden zusammengeschlossen und sind entsprechend strukturiert. Auf diese Weise bestehen repräsentative und verbindliche Ansprechpartner für den Staat und für die Kommunen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat im Jahr 2005 vor dem Hintergrund, nach welchen Grundsätzen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilt wird, eine Grundsatzentscheidung getroffen, die besagt, dass muslimische Dachverbände ebenfalls eine Religionsgemeinschaft im Sinne des Artikels 7 Absatz 3 des Grundgesetzes (Schulwesen) sein können. Dies bedeutet zugleich, dass Dachverbände auch ganz grundsätzlich Religionsgemeinschaften bzw. Religionsgesellschaften im Sinne von Artikel 141 der Weimarer Reichsverfassung sein können. Dieser Artikel besagt: “Soweit das Bedürfnis nach Gottesdienst und Seelsorge im Heer, in Krankenhäusern, Strafanstalten oder sonstigen öffentlichen Anstalten besteht, sind die Religionsgesellschaften zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist.” [1]

Die Aufgaben, die ein künftiger Militärimam für die deutsche Bundeswehr wahrzunehmen hat, entsprechen letztlich genau denen, die gleichfalls einem evangelischen oder katholischen Militärseelsorger aufgeben sind. Als Grundsatz gilt: Ein hauptamtlicher Militärimam ist in Rechten und Pflichten christlichen Militärseelsorgern gleichzustellen. Er ist für die Seelsorge an Bundeswehrsoldatinnen und Bundeswehrsoldaten muslimischen Glaubens und ihrer Angehörigen zuständig. Er ist aber ebenso zu seelsorglichen Gesprächen mit Soldatinnen und Soldaten nicht-muslimischen Glaubens bereit und nimmt sich ihrer Sorgen und Nöte tätig an. Ein hauptamtlicher Militärimam bietet für alle Soldatinnen und Soldaten “Lebenskundliche Unterrichte” bzw. “Lebenskundliche Seminare” an und führt diese durch. Die inhaltlichen Schwerpunkte hierfür ergeben sich aus den unter der Nr. 407 in der Zentralrichtlinie A2-2530/0-0-1 “Lebenskundlicher Unterricht” genannten Themenfeldern. Diese Themenfelder dienen kurzgesagt dem Erreichen ethischer Kompetenz von Soldatinnen und Soldaten. Der “Lebenskundliche Unterricht” ist kein Religionsunterricht.

Adbulmedzid Sijamhodzic ist Österreichs erster Militär-Imam. (Simon Kravagna, Sümeyee Özmen und Christoph Liebentritt, "Nur Gott weiß, wer wirklich gläubig ist", biber, 2015.

Adbulmedzid Sijamhodzic ist Österreichs erster Militär-Imam. (Simon Kravagna, Sümeyee Özmen und Christoph Liebentritt, “Nur Gott weiß, wer wirklich gläubig ist“, biber, 2015.

Schließlich begleitet ein hauptamtlicher Militärimam Soldaten und Soldatinnen in Auslandseinsätzen der deutschen Bundeswehr. Von daher ist nicht zuletzt ein Militärimam, wenn er einen uniformähnlichen Anzug trägt, durch ein “Logo” daran zu erkennen, welche Religionsgemeinschaft er repräsentiert bzw. welche er vertritt (z. B. durch einen “Halbmond” wie in der französischen Armee). Dieses Logo muss von der jeweiligen Religionsgemeinschaft nach Möglichkeit vorgeschlagen und vor allem akzeptiert sein.

Was die konkrete Umsetzung betrifft, so ist 2012 ein sogenannter Dreistufenplan im Bundesverteidigungsministerium als Richtlinie entworfen worden. In einer ersten Stufe wird eine Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen geschaffen, kurz ZASaG genannt. Diese besteht bereits seit 2015 und ist am Zentrum Innere Führung in Koblenz angesiedelt. Diese Ansprechstelle nimmt keine Aufgaben der Militärseelsorge wahr und ist daher auch kein Ersatz für diese. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, über einen gewissen Zeitraum hinweg eine Bedarfsermittlung bezüglich Militärseelsorge für Soldaten und Soldatinnen anderer Glaubensrichtungen zu erheben. Zudem knüpft diese Ansprechstelle ein Netzwerk hinsichtlich möglicher Ansprechpartner für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen. Zu diesem Netzwerk gehören beispielsweise Moscheenvereine und muslimische Verbände. Darüber hinaus vermittelt schon jetzt ZASaG für Soldaten und Soldatinnen, welche weder evangelisch noch katholisch sind, bei Bedarf Ansprechpartner ihrer jeweiligen Religionszugehörigkeit deutschlandweit. An dieser Stelle erweist sich immer wieder, dass auch die Bundeswehr ein Spiegelbild religiöser Pluriformität ist, wie sie in der deutschen Gesellschaft allgemein anzutreffen ist. Mit anderen Worten, an die Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen wenden sich nicht nur Soldaten und Soldatinnen muslimischen Glaubens.

Nach Abschluss der Bedarfsermittlung wird möglicherweise dann in einer zweiten Stufe ein nebenamtlicher Militäriman ernannt. Dieser ist kein Staatsbeamter auf Zeit. Er bleibt in erster Linie Imam in (s)einer zivilen Moscheegemeinde, hält aber kontinuierlichen Kontakt zu den Kasernen, für die er zuständig ist. Schließlich kann in einer dritten Stufe die Einstellung eines hauptamtlichen Militärimams für die deutsche Bundeswehr vorgenommen werden, wenn sich Stufe zwei bewährt hat. Diese drei Stufen müssen jedoch nicht streng sukzessiv eingehalten werden.

Unabhängig davon ist im Jahr 2007 am Zentrum Innere Führung in Koblenz ein Arbeitspapier “Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr” erstellt worden, in dem für Vorgesetzte auf allen Ebenen Informationen und Hinweise für den Umgang mit Soldaten und Soldatinnen muslimischen Glaubens gegeben werden. Schon jetzt können Soldatinnen und Soldaten muslimischen Glaubens auf ihre sogenannte Erkennungsmarke auf eigenen Wunsch hin das Kürzel ISL einprägen lassen. Das Kürzel ISL steht für “Islamische Religionsgemeinschaft”. Aber auch Soldaten und Soldatinnen evangelischen (E), jüdischen (JD), katholischen (K) und orthodoxen (O) Glaubens können dies mit dem hier angezeigten Kürzel tun.

Fuß­no­te
[1] Die Artikel 137 bis 141 der Weimarer Reichsverfassung, die Fragen des Staatskirchenrechts regeln, sind inkorporierter Bestandteil des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Imam Asim Hafiz is Islamic Religious Advisor to the Chief of the Defence Staff and Service Chiefs of the UK Ministry of Defence in Afghanistan, January 2014.

Imam Asim Hafiz is Islamic Religious Advisor to the Chief of the Defence Staff and Service Chiefs of the UK Ministry of Defence in Afghanistan, January 2014.

 
Anmerkungen von offiziere.ch
In der Schweiz wurde Anfang 2009 seitens des damaligen Präsidenten der Föderation islamischer Dachorganisationen, Hisham Maizar die Installation eines Militärimams gefordert. Der damalige und Ende Juni 2013 in Pension gegangene Chef Armeeseelsorger der Schweizer Armee, Urs Aebi vertrat im Februar 2011 die Auffassung, dass sich kein Bedarf zeige, in der Armeeseelsorge auch Imame oder Rabbiner einzusetzen.

Im April 2010 sollte nach Presseberichten ein Merkblatt für militärische Kader den Umgang mit nichtchristlichen Rekruten regeln (in der Folge stellte offiziere.ch einige ungenaue Formulierungen in der Presse richtig). Dieses Merkblatt wurde jedoch nicht ausschliesslich für muslimische Dienstleistende erstellt, sondern richtet sich als Orientierungshilfe an Soldaten und Kader aller Religionen, zusätzlich auch an Personen mit besonderen Essensgewohnheiten (beispielsweise Vegetarier). Heute existiert eine doppelseitige Dokumentation zum Thema “Religion für Angehörige der Armee: Urlaub & Essen“.

In der Schweizer Armee dienen schätzungsweise rund 5-10% Angehörige muslimischen Glaubens (basierend auf “Sprachen, Religionen – Daten, Indikatoren“, Bundesamt für Statistik, Stand 2014; Andrea Vonlanthen, “Porträt: Armeeseelsorger John Weber“, livenet.de, 01.07.2016).

This entry was posted in International, Switzerland.

One Response to Muslimische Militärseelsorge in der deutschen Bundeswehr?

  1. Natürlich, sollte selbstverständlich sein. Gleichberechtigung der Religionen. Einzige andere Option wäre die Abschaffung aller, also der christlichen Militärseelsorger.

    Hätte auch den Vorteil das dieser einer Radikalisierung bei muslimischen Soldaten vorbeugen könnte, als Fachman bei Fragen zur Seite steht, und bei Auslandseinsätzen vermittelnd agieren könnte. Es würde zB. der Behauptung entgegen wirken das wären alles “Ungläubige”. Es gibt da mehrer Vorteil, von dem Recht darauf abgesehen.

Leave a Reply