Al-Qaida weitet sein Einflussgebiet in Westafrika aus

Ivorische Sicherheitskräfte identifizieren getötete und verwundete Opfer an einem Strand von Grand-Bassam Mitte März 2016.

Ivorische Sicherheitskräfte identifizieren getötete und verwundete Opfer an einem Strand von Grand-Bassam Mitte März 2016.

Mitte März wurde die Elfenbeinküste Opfer eines großen Terrorangriffs in Westafrika. An den Stränden von Grand-Bassam, einem sowohl bei Einheimischen als auch bei Expats beliebten Strandressort, starben nicht weniger als 15 Zivilisten und 3 Einsatzkräfte der Spezialeinheiten, als sechs Angreifer das Feuer am Strand eröffneten. 33 Menschen wurden verwundet.

Verantwortlich für die Anschläge erklärte sich die Gruppe Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Die Grand-Bassam Anschläge stellen dabei nur die jüngsten in einer langen Reihe von Angriffen Al-Qaidas und ihrer Verbündeten in der Region dar. Weit davon entfernt besiegt zu sein, breitet sich die Gruppe stattdessen über Westafrika aus.

Am 15. Januar eröffneten bewaffnete Kämpfer in Ouagadougou das Feuer, der Hauptstadt von Burkina Faso. Ein ähnlicher Angriff fand am 20. November letzten Jahres im Radisson Blue Hotel in Malis Hauptstadt Bamako statt. AQIM und verschiedene andere Gruppen erklärten sich darüber hinaus für viele kleinere Angriffe, größtenteils in Mali, verantwortlich.

Im Gegensatz zur Terrorgruppe “Islamischer Staat” ist Al-Qaida immer eine dezentral organisierte Gruppe gewesen und AQIM stellt mit ihren Verbündeten ein perfektes Beispiel dafür dar.

AQIM ist die “offizielle Zweigstelle” von Al-Qaida in der Region. Sie tolerieren jedoch auch die Existenz von anderen, zum Teil semi-autonomen Terrorgruppen innerhalb ihres Einflussgebietes. In manchem Fällen unterstütze sie sogar explizit neue Gruppen bei ihrer Bildung. Ein Beispiel: die Macina Liberation Front, welche sich für die Blue Radisson Angriffe verantwortlich zeigte. Während sie offiziell für die Wiederauferstehung des Macina Reichs kämpft, ist sie nach allgemeiner Auffassung ein lokaler Ableger von AQIM. Ihr Anführer, Hamadou Kouffa, hat Berichten zufolge großen Erfolg darin, Mitglieder seiner eigenen Pheul/Fulani Gemeinschaft für den Kampf zu mobilisieren. Eine weitere verwandte Gruppe stellt Ansar Dine dar, die von Iyad Ag Ghaly angeführt wird – einem Tuareg mit einer langen Geschichte im Widerstandskampf gegen den malischen Staat.

AQIM hat in seiner Vergangenheit bereits viele Rückschläge und Abspaltungen überstanden. Das prominenteste Beispiel ist der Algerier Mokthar Belmokthar, der fälschlicherweise schon mehrfach als tot gemeldet wurde, aber nach wie vor einen der wichtigsten Terrorführer der Region darstellt und Kopf hinter einer erdrückenden Anzahl von komplexen Angriffen sein soll. Belmokthar verließ AQIM ursprünglich im Streit, wurde mit seinen Kämpfern nach Vermittlung externer Mediatoren aber wieder in die Gruppe integriert.

Al-Qaida Kämpfer in der algerischen Wüste.

Al-Qaida Kämpfer in der algerischen Wüste.

Dass AQIM und ihre Verbündeten nun in nur kurzer Zeit gleich zwei hochkarätige Angriffe außerhalb Malis verüben ist interessant und erschreckend zugleich — und es ist ein Schlag ins Gesicht der französischen Bemühungen in der Region, den Aktionsraum für Terroristen einzuschränken. Die Anführer von AQIM haben scheinbar den Eindruck, stark und einig genug zu sein, um nun auch außerhalb ihres traditionellen Operationsgebietes agieren und die höheren Risiken stemmen zu können.

Dabei weisen weder Burkina Faso noch die Elfenbeinküste eine signifikante lokale Dschihadistenszene oder auch nur Sympathien für AQIMs Ziele in der Bevölkerung auf. Die Elfenbeinküste, eine ehemalige französische Kolonie, beheimatet einen der größten Tiefwasserhäfen im frankophonen West-Afrika und ist das logistische Zentrum für Frankreichs Militär. Die schnelle Intervention im Jahr 2013 in Mali war nur möglich, weil die französischen Truppen bereits Material in der benachbarten Elfenbeinküste positioniert hatten.

Ein einziger Angriff wird dieses System natürlich nicht gefährden. Aber Al-Qaidas Ideologie ist, im Gegensatz zum Islamischen Staat, nicht darauf ausgerichtet, ein eigenes Territorium zu halten. Während beide Gruppen zwar das Kalifat wiederauferstehen lassen wollen (was der Islamische Staat seiner Ansicht nach bereits getan hat), sieht Al-Qaida dies als ein langfristiges Ziel an, was nur nach einem möglicherweise jahrhundertelangem Kampf erreicht werden kann.

In diesem Sinne sollen die jüngsten Angriffe in West-Afrika Frankreich als den Hauptgegner der Islamisten in dieser Region auslaugen. Ohne Zweifel zielt die Führung von AQIM darauf ab, dass Frankreich ihr militärisches und diplomatisches Engagement in der Region weiter verstärkt und sich und die Zivilbevölkerung damit noch angreifbarer für weitere Attacken macht. Und natürlich wird Frankreich diese Angriffe nicht unbeantwortet lassen. Französische Spezialeinheiten waren in der Vergangenheit durchaus erfolgreich, islamistische Kämpfer und ihre Anführer im Sahel auszuschalten. Aber dieser militärische Ansatz Terrorismus zu bekämpfen hat seine Grenzen — wie die Vereinigten Staaten bereits in Afghanistan und dem Irak erfahren mussten. Dennoch hat Frankreich sich bisher geweigert, seinen Ansatz in den ehemaligen Kolonien noch einmal zu überdenken.

Nach Ouagadougou und Grand-Bassam muss man kein Hellseher sein, um weitere Angriffe in der Region zu prognostizieren. Die wahrscheinlichsten Ziele sind Niamey, Frankreichs größter militärischer Stützpunkt in Malis Nachbarland Niger — und Dakar, die Hauptstadt des Senegal und wichtigster wirtschaftlicher und diplomatischer Knotenpunkt in der Region, der auch Heimat vieler Franzosen ist. Weitere Ziele könnten Tschads Hauptstadt N’Djamena oder ein Ziel Mauretanien sein.

Französische Soldaten im Niger.

Französische Soldaten im Niger.

Während Frankreich vier Bürger unter den Opfern in Grand-Bassam zählen musste, war die Mehrheit der Opfer Ivorer. Das oberste Ziel von AQIM ist die Politik und Wirtschaft in West-Afrika zu destabilisieren. Schwache Regierungen und schlecht regierte, wirtschaftlich zerrüttete Gebiete machen es für AQIM einfacher, zu rekrutieren und Einfluss zu nehmen. Doch Frankreichs Intervention in Mali zeigt, dass AQIM, um das Ziel eines komplettes Zusammenbruchs eines  westafrikanischen Staates zu erreichen, zuerst die Präsenz von Frankreich und der anderen großen Mächten ausschalten muss.

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