Afrikas Konfliktherde 2016

von Peter Dörrie.

Organized Violence in 2014; Uppsala Conflict Data Program. Click on the image to see the whole world map.

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Afrikanische Länder sind in internationalen Medien vor allem als Schauplatz von Konflikten im Gespräch. Praktisch jede Nachricht, die es aus dem Kontinent in die international Diskussion schafft, behandelt die eine oder andere Gräueltat. Nur Syrien dürfte momentan ein schlechteres Image haben.

Dieses Narrativ ist sowohl richtig als auch falsch. Mehr als die Hälfte aller kämpferischen Auseinandersetzungen weltweit fanden 2014 in Afrika statt, obwohl nur 16% der Weltbevölkerung auf dem Kontinent lebt. Damit hat Afrika derzeit sogar einen größeren Anteil an Gewalttaten als in den chaotischen 1990er Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Doch es gibt zwei wichtige Unterschiede: Erstens hat sich die weltweite absolute Zahl von Konflikten in den letzten zwei Jahrzehnten stark reduziert. Afrika ist also, obwohl der Kontinent einen größeren Anteil von gewalttätigen Auseinandersetzungen schultert, gleichzeitig insgesamt friedlicher geworden. Und zweitens konzentrieren sich die verbliebenen Konflikte auf bestimmte Regionen und involvieren lediglich einige wenige der 54 afrikanischen Nationen.

Nach Zahlen des Uppsala Conflict Data Programs erfuhren 2014 zwölf afrikanische Länder bewaffnete Auseinandersetzungen. Drei Länder – Burundi, Niger und Tschad – werden dem Datensatz für 2015 vermutlich hinzugefügt werden.

Geographisch sind Afrika’s Konflikte eng in einen Gürtel konzentriert, der sich vom Norden Malis durch das südliche Algerien und Libyen nach Ägypten und bis auf die Sinai-Halbinsel erstreckt.

Der Aufstand von Boko Haram im Nordosten Nigerias stellt ein anderes Epizentrum dar, welches sich gleichzeitig in relativer Nähe zu einem Bereich von gewalttätigen Hot-Spots in der Zentralafrikanischen Republik, dem Osten der Demokratischen Republik Kongo, Burundi, Südsudan und Darfur befindet. An Afrikas Ostküste bricht das dritte Jahrzehnt des somalischen Bürgerkriegs an.

Moderne Konflikte in Afrika sind damit in hohem Maße lokal und entziehen sich trotzdem stark vereinfachten Erklärungsmustern. Vor diesem Hintergrund sind dies unsere Vorhersagen für 2016:

Nigerianische Spezialkräfte bereiten sich Ende März 2015  in Diffa zur Bekämpfung Boko Harams vor (Foto: Joe Penney/Reuters).

Nigerianische Spezialkräfte bereiten sich Ende März 2015 in Diffa zur Bekämpfung Boko Harams vor (Foto: Joe Penney/Reuters).

Boko Haram
Offiziere.ch berichtete 2015 regelmäßig vom Konflikt zwischen Boko Haram und der nigerianischen Regierung. Der Aufstand ist der tödlichste Konflikt, den Afrika momentan erlebt, und er hat sich nun auch in die Nachbarstaaten ausgebreitet. Doch es gibt nach wie vor Hoffnung: Die monatlichen Todeszahlen stehen auf dem niedrigsten Stand seit Jahren (siehe Grafik unten). Wie erwartet (und erhofft), hat Nigerias Präsident Muhammadu Buhari im Umgang mit dem Konflikt einige grundlegende Änderungen vollzogen. Das scheint sich nun auszuzahlen.

Trotzdem fehlt Nigeria, wie auch den Nachbarstaaten, immer noch eine langfristige Strategie im Umgang mit dem Aufstand (siehe Peter Dörrie, “Nigerias Terrorismusproblem ist größer als Boko Haram“, offiziere.ch, 16.11.2015). Die kürzlich gegen Boko Haram erzielten Erfolge basieren zu großem Teil auf Ausgaben in Milliardenhöhe für moderne Militärausrüstung. Doch keines der beteiligten Länder kann sich diese Strategie langfristig leisten.

Frankreich und die USA leisten umfangreiche Unterstützung, etwa im Hinblick auf geheimdienstliche Informationen oder der Sicherung von Landesteilen abseits des Konflikts mit Boko Haram. Nachhatlig ist diese Strategie in keinem Fall (siehe Peter Dörrie, “Frankreichs überlastetes Militär reicht nicht aus um den Sahel dauerhaft zu stabilisieren“, offiziere.ch, 20.02.2016).

2016 werden die Kämpfe in Nigeria, Niger, Tschad und Kamerun ohne Zweifel weitergehen, wenn auch glücklicherweise nicht auf dem selben Niveau wie zu den Hochzeiten des Konflikts 2014 und Anfang 2015.

Graph: Deaths Over Time (Nigeria)

 
Mali, Algerien und Libyen
Der andere Hot-Spot des internationalen Terrorismus in Afrika stellt das Dreieck Mali-Algerien-Libyen dar. Durch viele aktive Gruppen — eingeschlossen al-Qaida im Islamischen Maghreb — die über einige der willkürlichsten Grenzen der Welt hinweg agieren, sind alle Konflikte miteinander verknüpft. Ihre Lösung erfordert dennoch primär nationale Ansätze.

Libyen hat zwar offiziell ein neues Friedensabkommen verabschiedet. Doch mit einem offenem Bürgerkrieg im Land wird es mehr als ein unterschriebenes Stück Papier brauchen, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Auch hat die Terrororganisation “Islamische Staat” ein Auge auf Libyen als potentiellen Rückzugsort geworfen, falls seine Position in Syrien und dem Irak gefährdet wird.

Mali wird, während es nun sogar im Süden immer unsicherer wird, nur noch durch die Präsenz internationaler Truppen und Spendengelder zusammengehalten. Die korrupte und unfähige politische Elite hat augenscheinlich nichts vom Beinahe-Zusammenbruch im Jahr 2012 gelernt und es besteht wenig Hoffnung, dass sich dies im kommenden Jahr auf wundersame Weise ändern wird. Die internationale Gemeinschaft ist zu sehr involviert, um Mali einfach kollabieren zu lassen. Doch die Bevölkerung wird trotzdem weiterhin verbreitete Unsicherheit und Kämpfe im Norden aushalten müssen, während der Süden mit terroristischen Angriffen konfrontiert ist.

Algerien ist ein wirklich interessanter Fall. Die algerische Politik ist von außen kaum durchdringbar, zu sehr spielen sich die wichtigen Entscheidungen im Dickicht aus Eliten-Politik und Sicherheitsapparat ab. Präsident Abdelaziz Bouteflika hat seine Macht im letzten Jahr konsolidiert, aber mit bald 80 Jahren ist Bouteflika ein alter Mann mit Gesundheitsproblemen.

Algeriens interne Machtbalance ist in extremem Maße abhängig von Einnahmen aus der Erdöl- und Erdgasförderung. Allein mit diesen Geldern kann der aufgeblähte Militärapparat weiterhin mit erwünschten Spielzeugen ausgestattet werden, was die Soldaten glücklich stimmt und die Unterdrückung öffentlicher Unzufriedenheit ermöglicht. Mit den Ölpreisen im Keller und internen Machtkämpfen um Bouteflikas Nachfolge wäre ein Überkochen genereller Unzufriedenheit über niedrige Lebensstandards und fehlende Aufstiegsmöglichkeiten gepaart mit Querelen in der Elite das denkbar schlimmste Szenario. In diesem Fall erwarten Experten, dass aufgrund der Lage Algeriens direkt am Mittelmeer eine noch ungleich größere Immigrationswelle in die Europäische Union eintreten könnte.

IS-Kämpfer verbrennen Musik-Instrumente in Libyen.

IS-Kämpfer verbrennen Musik-Instrumente in Libyen.

 
Zentralfrikanische Republik, Südsudan und die Demokratische Republik Kongo
Die Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik und dem Südsudan werden im Laufe des Jahres 2016 hoffentlich weiter abflauen. Beide Länder haben Nachkriegs-Kompromisse ausgehandelt, die zu Präsidentschaftswahlen in der Zentralafrikanischen Republik und einer Regierung der nationalen Einheit im Südsudan geführt haben. Da beide Länder aber schon vor Ausbruch der jeweiligen Konflikte einen schwachen Zentralstaat hatten, wird das aber nicht das Ende von Gewalttaten und den Aktivitäten kleinerer Milizgruppen sein.

Der Konflikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist eine weitaus langfristigere Angelegenheit. Dutzende von militärischen Gruppen treiben sich seit dem offiziellen Ende des Zweiten Kongo-Kriegs im Jahr 2003 in der Gegend herum. Gewalt auf niedrigerer Ebene wird auch hier weiter fortbestehen, wofür auch ein offensiveres Vorgehen der UN-Friedenstruppen gegen bewaffnete Gruppen mit verantwortlich sein könnte.

Durch zahlreiche Skandale im Jahr 2015, bei denen die UN und andere Friedenstruppen in Missbrauchsfälle involviert waren, werden die Blauhelme 2016 von allen drei Ländern kritisch beäugt werden (siehe auch Ryan McCarrel, “The United Nations and Sexual Abuse: Why Peacekeeping Reform Has Failed”, Foreign Affairs, 14.02.2016). Die Regierung des Kongos wird sich etwa auf jede Gelegenheit stürzen, eine Einmischung der Vereinten Nationen bei den anstehenden Wahlen möglichst zu verhindern.

Die Wahlen — beziehungsweise die mögliche Weigerung der Regierung solche abzuhalten — sind ein weiterer Treiber für großflächige Gewaltausbrüche im Kongo, der immer noch auf ihre erste demokratische Machtübergabe wartet.

Der Rest
Keine Liste von Konflikten in Afrika wäre komplett ohne Darfur und Somalia zu nennen. Die Gewalt in Darfur ist über das letzte Jahr eskaliert und dieser Trend wird sich in 2016 vermutlich fortsetzen.

In Somalia war al-Shabab 2015 in der Offensive (siehe Peter Dörrie, “Nach Rückschlägen in ihrer Hochburg terrorisieren Islamischer Staat und Al-Shabab im Ausland“, offiziere.ch, 14.12.2015). Die islamistische Gruppe konnte einige Gebiete von Regierungstruppen und Einheiten der Afrikanischen Union zurückerobert. Eine Entscheidung dieses Konflikts ist auch 2016 weiter unwahrscheinlich. Al-Shabab wird wann immer möglich in die Offensive gehen wird, um seine Präsenz zu rechtfertigen. Das schließt Terrorangriffe im benachbarten Kenia ein.

Ägypten wird weiterhin in innere Unruhen verstrickt bleiben, besonders auf der Sinai-Halbinsel. Terroristische Anschläge gegen Touristen und Institutionen der Militärregierungen sind hier praktisch garantiert.

Burundi steuert weiter auf einen Bürgerkrieg zu. Viel wird dabei von den Entscheidungen der Afrikanischen Union abhängen. Eine wirklich beachtenswerte Entwicklung wäre die Entsendung militärischer Truppen gegen den Willen der Regierung nach Artikel 4 der Gründungssatzung der Union.

Ein weiteres Land, das beobachtet werden muss, ist Südafrika (siehe auch diesen etwas älteren Artikel: “Flüchtlingskrise in Südafrika“, offiziere.ch, 04.07.2010). Ein offener interner Konflikt ist hier zwar nicht zu erwarten. An besorgniserregende Entwicklungen mangelt es aber nicht. Die Wirtschaft geht den Bach runter, Präsident Jacob Zuma blamiert sich regelmäßig auf dem politischen Parkett und ethnische Spannungen befinden sich nach wie vor auf einem kritischen Niveau — mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid.

Größere soziale Unruhen währen darum nicht überraschend, hier wie auch in einigen anderen afrikanischen Ländern. Das “Marikana-Massaker” im Jahr 2012 kann als entsprechende Warnung verstanden werden. Auch wenn weit verbreiteter Fremdenhass und Rassissmus Südafrikas Bevölkerung genauso gut gegeneinander, anstatt gegen den Staat aufhetzen könnte.

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