Sie haben Sinjar überlebt – und was nun?

von Vager Saadullah. Vager Saadullah ist ein kurdischer Journalist und Editor in Dohuk, Irak. Er absolviert einen Masterstudiengang in Internationale Beziehungen an der Girne American University in Zypern. Die Englische Version dieses Artikels wurde auf War Is Boring veröffentlicht.

Übersetzung: Alison Haywood. Alison Haywood (Twitter) ist eine US-amerikanische Journalistin, welche momentan einen Masterstudiengang in Journalistik in Aarhus, Dänemark absolviert. Sie schreibt und berichtet für Publikationen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland.

Die provisorisch aufgestellten Zelte waren zum Bersten voll - hier teilen sich 21 Personen ein Zelt (Foto: Vager Saadullah). Ausserhalb des Büros von Dyar Fatah wird für die Flüchtlinge des Camps gekocht (Foto:  Vager Saadullah).
Rechts: Die provisorisch aufgestellten Zelte waren zum Bersten voll – hier teilen sich 21 Personen ein Zelt. Links: Ausserhalb des Büros von Dyar Fatah wird für die Flüchtlinge des Camps gekocht. (Fotos: Vager Saadullah).

In überfüllten Lagern ringen vertriebene Jesiden mit Hunger und Wetter. Im Camp Wargehe Delal in der kurdischen Stadt Zakho halten sich rund 6’000 Flüchtlinge der religiösen Gruppe Jesidi auf. Die meisten haben das Martyrium beim Berg Sinjar überlebt, wo anfangs August 100’000 Jesiden Zuflucht vor den IS-Kämpfern gesucht hatten.

Nechirvan Ramazan, ein Geschäftsmann von Zakho, finanzierte die hastige Konstruktion des Lagers. Es ist groß genug um 900 Familien unterzubringen — notdürftig und ungemütlich. “Es fehlt im Lager an Kleidern und Schuhen für [Binnenvertriebene] und manchmal auch an Essen” sagt Dyar Fatah, der 29-jährige ehrenamtliche Verwaltungsleiter des Lagers.

Diyar Fatah. (Foto: Vager Saadullah).

Diyar Fatah. (Foto: Vager Saadullah).

Der 27-jährige Xelef Qasim befand sich in der Stadt Sinjar, als die IS-Kämpfer in die Stadt eingedrungen sind. Als er acht Leichen auf der Straße liegen sah, floh er schliesslich. “Ich bin zwei Tage lang von Sinjar nach Siba gelaufen,” erinnert er sich. “Am dritten Tag bin ich am Berg Sinjar angekommen.” Wie er weiter ausführte, verharrte er für vier Tage dort, wobei er die ersten drei Tage weder zu essen noch zu trinken gehabt hatte. “Wir gaben einfach alles was wir hatten den Kindern, damit sie überleben konnten.”

Als amerikanische Flugzeuge und irakische Hubschrauber Nahrungsmittel und Trinkwasser mit Fallschirme auf den Berg abgeworfen hatten, wurde die Situation etwas besser. Wegen den vielen Flüchtlingen auf dem Berg blieb die Versorgung jedoch spärlich.

Xelef Qasim. Bild: Vager Saadullah.

Xelef Qasim. Bild: Vager Saadullah.

Qasim ist überzeugt: Auch wenn es den Peshmerga gelingen sollte, die Stadt Sinjar völlig zu befreien, werde er nie wieder dorthin zurückkehren. “Araber von benachbarten Städten haben unsere Autos und Sachen aus unseren Häusern gestohlen,” sagt er. “Deswegen können wir nicht mehr zurückkehren und mit ihnen zusammenleben.”

“Die Situation hier [im Wargehe Delal Lager] ist schlimm weil wir bereits seit 11 Tagen hier sind, und es keine Toiletten oder Badezimmer gibt,” erzählt Qasim weiter. “Die Männer duschen sich im Fluss, aber für die Frauen geht das nicht. Deswegen bitten wir die westlichen Länder um Hilfe.” — “Weil wir den Irak für immer verlassen wollen.”

Gazal Murad, ein Großmutter aus Sinjar, tröstet ein junges Mädchen. Sie erzählt, dass die IS fünf ihrer Familienangehörigen gefangen hält – zwei Söhne, eine Schwiegertochter und zwei Enkel.

Gazal Murad. Bild: Vager Saadullah.

Gazal Murad. Bild: Vager Saadullah.

Als amerikanische Kampfflugzeuge einige Standorte der IS in Sinjar angegriffen hatten, entkamen Murads Söhne im Chaos. Die anderen aber blieben in Gefangenschaft. “Manchmal ruft meine Schwiegertochter uns heimlich an,” sagt Murad. “Sie sagt, dass sie in Tal Afar sei und die IS sie aufgefordert hätte, sich zum Islam zu bekehren — ansonsten würde sie getötet werden.”

By the way…
Gestern, 18. Dezember 2014 gab Masrour Barzani, Vorsteher des regionalen, kurdischen Sicherheitsrates in einer Pressekonferenz bekannt, dass es den Peshmerga gelungen sein soll, die monatelange Belagerung des Berg Sinjar durch IS-Kämpfer durchzubrechen. Dabei hätten die Luftangriffe der anti-IS Koalition einen entscheidenden Beitrag geleistet. Auf dem Berg Sinjar harren nach wie vor rund 1’200 vertriebene Jesiden aus. Mit weiteren Aktionen sollen die IS-Kämpfer auch zukünftig weiter zurückgedrängt werden. (Quelle: “Kurdistan Security Chief: ISIS Defeated, Surrounded in Many Areas“, Rudaw, 18. Dezember 2014).

Gegenüber offiziere.ch relativierte ein Kenner der Region die Aussagen Barzani etwas. Oftmals seien solche Sieges-Meldungen zu optimistisch gefärbt und hätten die Funktion die Erfolge der Demokratische Partei Kurdistans gegenüber der Patriotische Union Kurdistans und Arbeiterpartei Kurdistans hochzuspielen.

Unsere Kameraden von War is Boring haben eine interessante Artikelserie über die Zustände auf dem Berg Sinjar mit vielen eindrücklichen Fotos von Matt Cetti-Roberts: “I Flew to Mount Sinjar on an Iraqi Helicopter – It was intense“; “Starving and Surrounded, Kurds and Yezidis Refuse to Abandon Mount Sinjar” und “Getting Off Mount Sinjar Is a Nightmare“.

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