Die Ursprünge der Drohnen und die deutsche Debatte um eine alte Waffe

von Seka Smith. Seka Smith ist Politikwissenschaftlerin, lebt in Berlin und arbeitet im Politikbereich. Für Offiziere.ch schreibt sie unter Pseudonym.

Drohnen sind aus der modernen Militärtechnik nicht mehr wegzudenken. Wo einstmals Piloten gefährliche Aufklärungs-, Patrouillien- und Kampfeinsätze flogen, übernehmen zunehmend unbemannte Flugsysteme diese Aufgaben. Doch wie modern uns diese Maschinen auch anmuten, liegen ihre Ursprünge mehr als 155 Jahre zurück.

Franz Freiherr von Uchatius

Franz Freiherr von Uchatius

Während des 1. Italienischen Unabhängigkeitskrieges kam es im Sommer 1849 zur Belagerung von Venedig. Durch die Insellage der Stadt war es für die österreichische Artillerie nicht möglich, Venedig direkt vom Festland aus zu beschießen. Auf Vorschlag des österreichischen Artillerieoffiziers und späteren Feldmarschalleutnants Franz Freiherr von Uchatius versuchte man mithilfe von Ballonbomben die Verteidiger der Stadt zur Kapitulation zu zwingen. Die Ballons waren mit Wasserstoff befüllt und wurden mit 15 kg Sprengstoff bestückt. Der Abwurf erfolgte durch das Abbrennen einer Zündschnur. Als Venedig schließlich am 2. August 1849 kapitulierte, hatte das österreichische Militär bis dato etwa 110 Ballonbomben gestartet, doch nur die wenigsten hatten ihre Ziele überhaupt erreicht und diese verursachten auch nur sehr geringen Schaden. Taktisch als nutzlos bewertet, verzichtete Österreich daraufhin auf den Einsatz der Ballonbomben. Damit hatte der erste, primitive, Drohneneinsatz seine Wirkung verfehlt.

Während des Ersten Weltkrieges begannen erste Experimente mit motorgetriebenen, unbemannten Flugapparaten, wie dem Aerial Target von Archibald Low und dem Hewitt-Sperry Automatic Airplane, die aber alle keine Fronttauglichkeit erreichten. Auch der Zweite Weltkrieg förderte die Entwicklung von unbemannten Flugsystemen: die Vergeltungswaffe 1 war der erste militärisch genutzte Marschflugkörper und das Aggregat 4 durchstieß als erstes aus Menschenhand konstruiertes Objekt die Kármán-Linie.

firebees

Doch erst die Ausbildung der amerikanischen Luftabwehrkräfte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zur Geburtsstunde moderner, unbemannter Drohnen. Ab 1951 flog die Ryan Firebee, die erste strahlgetriebene Drohne, zur Zieldarstellung im Dienste der US Air Force (USAF). Der Erfolg der Firebee und die Konfrontation mit der Sowjetunion führten 1959 zu eigenfinanzierten Analysen des Unternehmens Ryan Aeronautical, wie sich aus einer Zieldarstellungsdrohne ein Langstreckenaufklärungssystem entwickeln lassen könnte.

The only reason we need (UAVs) is that we don´t want to needlessly expend the man in the cockpit. — General George S. Brown (Air Force Systems Command), 1972 zitiert in William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones. The can-do story of Ryan´s unmanned spy planes” (Fallbrook: Armed Forces Journal International, 1982), 208.

Der Abschuss von Francis Gary Powers über sowjetischem Territorium am 1. Mai 1960 sowie zwei Monate später einer Boeing RB-47 in der Nähe der sowjetischen Grenze führten schließlich zur finanziellen Förderung der Ryan-Forschungen durch das Pentagon. Unter dem Projektnamen “Red Wagon” (Ryan Model 147) entstand die erste leistungsfähige Aufklärungsdrohne. Zwischenzeitlich sollte das Programm wieder aufgegeben werden, aber der Verlust einer U-2 über Kuba am 27. Oktober 1962 führte abermals die Notwendigkeit einer unbemannten Aufklärungsdrohne vor Augen.

Der Vietnamkrieg und Einsätze über China wurden schließlich zur Feuertaufe der amerikanischen Drohnen. Die USAF nutze die Ryan Firebee als “unmanned aerial vehicles” (UAVs) zur fotografischen Gefechtsfeldaufklärung. Allein das 100th Strategic Reconnaissance Wing flog während des Krieges insgesamt 3’435 Aufklärungsmissionen, bei denen 554 Drohnen verloren ginge (William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones”, 200, 212). Was wiederum bedeutete, dass das Leben von mindestens 554 Piloten durch die USAF nicht riskiert werden musste.

[W]e let the drone do the high-risk flying […] the loss rate is high, but we are willing to risk more of them […] they save lives!General John C. Meyer (Strategic Air Command), 1972, zitiert in William Wagner, “Lightning Bugs and other Reconnaissance Drones”, 208.

Die Drohnen bewiesen ihren Nutzwert für die amerikanischen Streitkräfte und allmählich entwickelte sich aus den UAV eine bewaffnete Variante heraus – die unmanned combat aerial vehicles (UCAVs), die schließlich während des Kriegs in Afghanistan und der Operation Iraqi Freedom einen wichtigen Bestandteil des taktischen Einsatzkonzeptes bildeten.

Wurden Drohnen in den Anfangstagen ihrer Entwicklung dazu eingesetzt, selbständig ein Ziel anzusteuern und zu zerstören, wird diese Aufgabe heutzutage von Raketen resp. Marschflugkörpern erledigt. Den Begriff des unbemannten Flugsystems kann man vielfältig be- und umschreiben. Beispielsweise sehr weit fassend: “The term UAV is a very broad and encompasses vehicles such as cruise missiles (which can be described as single mission UAVs), target drones, and decoys […] (Kumar Rajesh, “Tactical Reconnaissance. UAVs versus manned aircraft“, Air Command and Staff College, March 1997, 8). Oder eng definiert: U(C)AVs sind wiederverwertbare, ferngesteuerte oder autonom fliegende Systeme, die über Kommunikations- und Sensorensysteme zur Aufklärung sowie Waffensysteme zur punktuellen Bekämpfung von feindlichen Zielen tragen. Durch ihre hohe Reichweite und Verweildauer befähigen sie die Einsatzzentrale zur s.g. Zerstörung bei Bedarf.

Der ökonomische Nutzen von U(C)AVs
Feindliche Jäger, Flugabwehrstellungen, technisches und menschliches Versagen bergen bei bemannten Einsätzen das Risiko des Besatzungsverlustes. Das ist menschlich, aber auch ökonomisch tragisch, denn die Ausbildung eines Flugzeugführers dauert mehrere Jahre und ist teuer. Gegenwärtig betragen die Kosten einer militärischen Pilotenausbildung bei der USAF mindestens 2,6 Mio. US-Dollar, je nach Flugzeugmuster auch mehr als 6 Mio. US-Dollar. Die Ausbildung eines U(C)AV-Operators kostet hingegen circa 135’000 US-Dollar (Thomas Ricks, “Cutting the Pentagon budget: Get rid of officer pilots, let enlisted fly drones“, Foreign Policy, 15.09.2010) und auch das Gehalt ist deutlich niedriger als das eines USAF-Piloten (Erik Bartos and Asad Hussain, “Boeing: Cleared for takeoff. Transforming military might to an emerging civilian market” Ivey Business Review, Spring 2013, 40). Ähnliche ökonomische Differenzen ergeben sich bei den Anschaffungskosten der Flugsysteme (“Top 10 Kampfflugzeuge nach Kosten in Millionen Euro“, Statista, 2014; “Department of Defense Fiscal Year (FY) 2013 President’s Budget Submission: Aircraft Procurement“, February 2012 and “Defense Acquisitions: Assessments of Selected Weapon Programs“, United States Government Accountability Office, March 2013):

Bemanntes System Stückkosten
B-2 Spirit 1000 Mio. Euro
F-22 Raptor 141 Mio. Euro
F-15 Eagle 105 Mio. Euro
Unbemanntes System Stückkosten
RQ-4 Global Hawk 75 Mio. Euro
MQ-9 Reaper 13 Mio. Euro
MQ-1 Predator 3 Mio. Euro

Drohnen benötigen keine zusätzlichen Lebenserhaltungs- und Steuerungssysteme für einen Piloten oder weitere Besatzungsmitglieder. Die Verweildauer am Einsatzort orientiert sich also nicht mehr an der Leistungsfähigkeit der Flugzeugbesatzung. Somit sind 24 h-Einsätze möglich. Auch das Gewicht und die Abmessungen des Flugsystems sind geringer und damit die Kosten einer Flugstunde.

Die deutsche Drohnen-Debatte
Die Beschaffung von bewaffneten Drohnen wird in Deutschland hitzig diskutiert, sei es die Frage um die militärische Notwendigkeit, die Kosten oder die Frage, ob es moralisch überhaupt zu rechtfertigen ist, eine Drohne im Krieg einzusetzen. Letztlich begegnet man aber in der Diskussion vier immer wiederkehrenden Annahmen:

    1. Drohnen sind etwas Neuartiges in der Bundeswehr: Falsch – Drohnen werden seit langem von der Bundeswehr genutzt. Zwar sind diese unbewaffnet, aber längst im Einsatz, wie z.B. Aladin, Heron, KZO, Luna, Mikado und bis 2009 CL-289.

 

    1. Drohnen sind “Killerroboter”: Falsch – die zu beschaffenden Drohnen sind keine vollautomatischen Waffen, die feindliche Ziele selbständig identifizieren und ohne menschlichen Einsatzbefehl zerstören. Dieses Fehlinterpretation kritisierte bereits Generalleutnant Hans-Werner Fritz, Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam, in seinem Sachverständigenvortrag im Verteidigungsausschuss des Bundestages (Deutscher Bundestag, “Stenografisches Protokoll der 16. Sitzung des Verteidigungsausschusses“, Sachverständigenberichte zum Thema bewaffnete Drohnen, 30.06.2014, 18-19).

 

    1. Drohnen lassen sich moralisch nicht rechtfertigen: Die moralische Frage nach dem Einsatz von Drohnen stellt sich überhaupt nicht. Waffen töten Menschen. Das ist eine grundlegende Eigenschaft dieser “Werkzeuge”. Will man eine moralische Diskussion führen, muss sie an einem gänzlich anderen Punkt anknüpfen und zwar, ob und wenn ja, wie Kriege geführt werden sollen. Ob es einen (un-) gerechten Krieg geben kann und des Weiteren inwieweit Deutschland bereit ist Menschen vor systematischen Kriegsverbrechen zu schützen (Responsibility to Protect).

 

  1. Der Einsatz von bewaffneten Drohnen senkt die Hemmschwelle zum Töten: Der Waffeneinsatz eines UCAV erfordert immer das Kommando des Operators oder des befehlshabenden Offiziers. Ob der Feind durch einen Messerstich, eine Pistolenkugel oder letztlich durch eine von einer Drohne abgefeuerten Rakete stirbt, macht die Last der Verantwortung nicht unpersönlicher. Man hat getötet (vgl. dazu Jean Otto und Bryant Webber, “Mental health diagnoses and counseling among of pilots of remotely piloted aircraft in the United States Air Force“, Medical Surveillance Monthly Report, Vol. 20, No. 3, March 2013: 3-8). Dieser Debattenpunkt verhält sich ähnlich zur einstigen Ächtung der Armbrust wegen ihrer Reichweite und Durschlagskraft auf dem Zweiten Laterankonzil (1193, Canon 29) durch Papst Innozenz II. Jochen Bittner, Europakorrespondent der ZEIT hat diesen Kritikpunkt bestens auf den Punkt gebracht:

Wer der Bundeswehr einen solchen Schutz vorenthalten will, wer glaubt, mit solchen Neuerungen werde die Hemmschwelle für Einsätze gesenkt, der plädiere bitte auch dafür, die Panzerung von Patrouillenfahrzeugen abzuschrauben. Die senkt nämlich auch die Hemmschwelle zum Ausrücken. Zutreffen dürfte eine Hemmschwellenwirkung eher in die andere Richtung: Aufseiten der Angreifer wird sie steigen. — Jochen Bittner, “Brauchen wir Drohnen?“, ZEIT Online, 17.02.2013.

Fakt ist, Drohnen schützen das Leben von Bundeswehrsoldaten, sei es durch Aufklärung oder durch den (zukünftigen) Einsatz ihrer Bordwaffen. Entschließt sich ein Feind zum Krieg, ist er bereit zum Töten. Die Ausübung militärischer Gewalt ist dabei ein Selbstzweck. Emphatie ist in dieser Situation fehl am Platz, ebenso die idealisierte Vorstellung eines auf allen Ebenen fairen Duells. In der Realität wird man jede Schwäche des anderen zum eigenen Vorteil ausnutzen. Alles andere kostet nur unnötig Leben.

 

Übersicht gegenwärtiger und zukünftiger Drohnen (Auswahl)

General Atomics MQ-1B Predator (USA)

MQ1B

Kennwert Daten
Länge 8,23 m
Höhe 2,10 m
Spannweite 14,84 m
Max. Startgewicht 1’020 kg
Höchstgeschwindigkeit 222 km/h
Dienstgipfelhöhe 7.620 m
Reichweite 3.704 km
Einsatzprofil Seit 1995 im Einsatz bei den amerikanischen Streitkräften. Zählt zum wichtigsten US-Bestandteil der taktischen Luftaufklärung.

General Atomics MQ-9 Reaper (USA)

Reaper

Kennwert Daten
Länge 10,97 m
Höhe 3,80 m
Spannweite 20,12 m
Max. Startgewicht 4’763 kg
Höchstgeschwindigkeit 482 km/h
Dienstgipfelhöhe 15’400 m
Reichweite 1’852 km
Einsatzprofil Aus der MQ-1 als reiner UCAV entwickelt. 2008 begannen F-16 Piloten mit der Umschulung auf den Reaper und formierten die erste UCAV-Attack Squadron der USAF.

Northrop Grumman RQ-4B Global Hawk (USA)

GlobalHawk

Kennwert Daten
Länge 14,50 m
Höhe 4,63 m
Spannweite 39,89 m
Max. Startgewicht 14’628 kg
Höchstgeschwindigkeit 637 km/h
Dienstgipfelhöhe 19’811 m
Reichweite 22’780 km
Einsatzprofil Höhenaufklärungsdrohne mit hoher Reichweite. Global Hawk ermöglicht die tägliche Überwachung eines Gebiets von ca. 100.000 km2. 2013 kam es in Deutschland zur Euro Hawk-Affäre. Der Bundesrechnungshof stellte ein folgenschweres Organisationsversagen der Bundeswehr bei der Beschaffung der Drohne fest.

EADS Barracuda (Deutschland / Spanien)

Baracuda

Kennwert Daten
Länge 8,25 m
Höhe kA
Spannweite 7,22 m
Max. Startgewicht 3’250 kg
Höchstgeschwindigkeit 902 km/h
Dienstgipfelhöhe 6’100 m
Reichweite 200 km
Einsatzprofil UCAV-Technologiedemonstrator. Erstflug im April 2006. Nach dem Absturz des ersten Prototypen im September 2006 wurde ein zweiter gebaut und für weitere Tests verwendet.

Dassault nEUROn (Frankreich / Schweden / Schweiz / Italien / Griechenland / Spanien)

neuron

Kennwert Daten
Länge 9,5 m
Höhe kA
Spannweite 12,5 m
Max. Startgewicht kA
Höchstgeschwindigkeit 980 m/h
Dienstgipfelhöhe 14’000 m
Reichweite kA
Einsatzprofil UCAV-Technologiedemonstrator auf Stealh-Basis. Insgesamt wurden nEUROn 405 Mio. Euro an Forschungsgeldern zur Verfügung gestellt. Der Erstflug erfolgte am 1. Dezember 2012.

 

Weiterführende Literatur

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Fotos/Bilder: Teledyne Ryan, USAF (Tech. Sgt. Sabrina Johnson), USAF (Senior Airman Larry E. Reid Jr.), USAF (John Schwab), Barracuda (Jean-Patrick Donzey, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license), Dassault Aviation (K. Tokunaga).

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6 Responses to Die Ursprünge der Drohnen und die deutsche Debatte um eine alte Waffe

  1. Nilson Crusoe hat in der Facebook Gruppe “Sicherheitspolitik” einen interessanten Kommentar zum obigen Artikel geschrieben:

    Naja, der Artikel von Seka Smith geht aber nur oberflächlich auf die Kritik von Drohnengegnern ein – und lässt das wichtigste Argument außen vor.

    Punkt 3: “Die moralische Frage nach dem Einsatz von Drohnen stellt sich überhaupt nicht. […] Will man eine moralische Diskussion führen, muss sie an einem gänzlich anderen Punkt anknüpfen und zwar, ob und wenn ja, wie Kriege geführt werden sollen.

    Die Art der Waffen entscheidet sehr wohl über die Art des Krieges und möglichen Schauplätze des Krieges – und ist damit moralisch relevant. Wenn ich keine ABC Waffen habe, kann ich auch keinen ABC Krieg führen. Die Frage ist doch, in welcher Art von Kriegen, bzw. gegen welche Gegner sind Drohnen sinnvoll? Aufgrund mangelnder Geschwindigkeit und der daraus resultierenden Anfälligkeit gegen gut ausgebaute Luftabwehrsysteme, sind Drohnen derzeit nur in wenig entwickelten Ländern einsetzbar. Sprich, wenn ich mich für die Anschaffung von Drohnen einsetze, dann halte ich das Hintertürchen für militärische Angriffe in Afrika, Afghanistan usw. offen. Gegen Russland und Co. bringen die nämlich herzlich wenig. Wollen wir das?

    Punkt 4: “Ob der Feind durch einen Messerstich, eine Pistolenkugel oder letztlich durch eine von einer Drohne abgefeuerten Rakete stirbt, macht die Last der Verantwortung nicht unpersönlicher.

    Das stimmt nur in einem abstrakt moralischen Kontext. Konkret ist es natürlich leichter, jemanden im Sessel auf dem Monitor abzuballern als jemandem mit einem Messer aus nächster Nähe zu töten – technisch möglich ist natürlich beides. Der Knackpunkt hier ist, dass Kriege in demokratischen Gesellschaften gesellschaftlich legitimiert werden müssen. Die Legitimierung ist leichter herbeizuführen, wenn die Bevölkerung das Gefühl hat es handele sich um einen “sauberen Krieg” bei dem es zudem keine Verluste in der eigenen Bevölkerung gibt. Sobald die Anzahl der eigenen gefallenen Soldaten sich mehrt, schwindet der Widerstand in der Zivilbevölkerung (siehe Vietnam und Afghanistan). Außerdem ist nicht auszuschließen, dass potentielle Gegner auf die zunehmende technische Überlegenheit durch die zunehmende Ausweitung asymmetrischer Kriegsmittel greifen, z.B. durch vermehrte terroristische Anschläge im Heimatland. Somit wäre der “netto Sicherheitsgewinn” durch Drohnen langfristig negativ. Über diesen Punkt kann aber nur spekuliert werden.

    Alles in allem sollte man sich fragen, 1) in welchen militärischen Einsätzen würden Drohnen einen Mehrwert liefern? Unterstütze ich solche Einsätze? 2) Könnte die Bevölkerung durch die scheinbar saubere und ungefährliche Kriegsmethoden in Zukunft öfters Kriege legitimieren? Will ich das?

    • Seka Smith says:

      Hallo Nilson, gerne gehe ich auf Deine Punkte ein.

      Zum Punkt 3:

      3.1. Moralisch macht es im Kern keinen Unterschied, durch welche Art Waffe jemand getötet wurde. Sei es nun, wie im Artikel erwähnt, durch ein Messer, eine Pistolenkugel, eine Drohne oder wie Du es meinst, durch eine ABC-Waffe – und das aus folgendem Grund: etwas als moralisch zu bezeichnen, bedeutet nach einem Ordnungssystem zu handeln, das faktischen (Handlungs-)konventionen unterliegt. Doch diese unterliegen einer temporären Instabilität, d.h., ob etwas heute moralisch gerechtfertigt ist, muss es morgen nicht mehr sein. Auf diesen Punkt bezieht sich bspw. die Ächtung der Armbrust.

      3.2. Die Frage nach den Gegnern von U(C)AVs war nicht hauptsächlicher Gegenstand des Artikels. Ebenso spielt es in der Debatte um die Einführung der Drohnen keine Rolle. Das ist eine, wenn überhaupt, nachrangige Fragestellung in der öffentlichen Diskussion (gewesen).

      3.3 “Drohnen [sind] derzeit nur in wenig entwickelten Ländern einsetzbar. Sprich, wenn ich mich für die Anschaffung von Drohnen einsetze, dann halte ich das Hintertürchen für militärische Angriffe in Afrika, Afghanistan usw. offen. Gegen Russland und Co. bringen die nämlich herzlich wenig. Wollen wir das?”

      Wie Du richtig festgestellt hast, werden UCAV derzeit vor allem in asymmetrischen Kriegen eingesetzt. Aber, hoffen wir das nicht, sollte es einen Krieg mit Russland oder anderen ebenbürtigen Staaten geben, werden auch in diesen Kriegen U(C)AVs eine wesentliche Rolle spielen. Die Drohnen, die in 10+ Jahren im Einsatz sein werden, werden technisch so ausgereift sein, um “Wild Weasel”-Einsätze durchführen zu können.

      Zum Punkt 4 (größtenteils ad 3 beantwortet):

      “Das stimmt nur in einem abstrakt moralischen Kontext. Konkret ist es natürlich leichter, jemanden im Sessel auf dem Monitor abzuballern als jemandem mit einem Messer aus nächster Nähe zu töten”

      Auf die Auswirkungen bezogen macht es keinen Unterschied, ob aus der Nähe oder Ferne getötet wurde. Dazu lesenswert: http://www.afhsc.mil/viewMSMR?file=2013/v20_n03.pdf#Page=03

      • Antwort von Nilson Crusoe:

        Unsere Standpunkte unterscheiden sich hauptsächlich in drei Aspekten, die ich noch mal genauer ausführen möchte:

        1. Spielt die Art der Waffe für die Moral eine Rolle. Für das Individuum ist es egal, ob ich mit einem Messer oder einer Bombe getötet werde/töte. Neue technische Möglichkeiten eröffnen aber auch Möglichkeiten mit einer größeren Quantität zu töten – und dann ist es eben doch moralisch relevant. Es macht einen Unterschied ob ich die Möglichkeit habe mit dem Messer einen Menschen zu töten, mit einem Maschinengewehr 20 oder mit einer Bombe 100, oder? Das Beispiel mit der Armbrust zeigt, wie du richtig erkannt hast, dass sich die moralische Beurteilung der Waffen ändern kann – nicht mehr und nicht weniger. Das hat nichts damit zu tun, dass Tötungen durch Drohnen automatisch mit der Zeit moralisch Vertretbar werden. Das Ganze geht nämlich auch anders herum. Die Benutzung von Giftgas wurde im ersten Weltkrieg als moralisch vertretbar angesehen, danach war man schlauer. Gleiches könnte auch mit der Beurteilung der Drohneneinsätze unserer amerikanischen Freunde passieren.
        2. Die Eignung der Drohnen für verschiedene Konflikte und Regionen wurde. Diese wurde, wie du angemerkt hast, im Artikel nicht erwähnt. Das ist allerdings nicht zweitrangig sondern sollte Kern der Debatte sein. Wenn man Drohnen derzeit vorrangig in Entwicklungsländern einsetzten kann, dort aber nicht plant militärisch zu intervenieren – dann braucht man eben keine Drohnen. Wenn Drohnen erst in 10 Jahren gegen militärisch weiterentwickelte Gegner einsetzbar sind, dann kaufe ich eben erst in 10 Jahren weiterentwickelte Drohnen, bzw. rege zu gegebenem Zeitpunkt eine erneute öffentliche Diskussion an. Alles andere ist entweder Verschwendung öffentlicher Mittel oder signalisiert die Absicht – entgegen öffentlich kommunizierter Absichten – militärisch in Entwicklungsländern zu intervenieren.
        3. Macht es einen Unterschied ob ich aus der Ferne oder der Nähe töte? Leider kann ich deinen Link nicht öffnen. Bei folgender Quelle empfehle ich über die Überschrift hinaus zu lesen, zwar wird dort darauf verwiesen, dass PTSD qualitativ bei Drohnenpiloten gleich ist, allerdings ist die rate drei bis viermal so hoch. Das widerspricht der Aussage, dass kein Unterschied zwischen Drohnenflügen und Kampfeinsätzen mit “boots on the ground” hinsichtlich PTSD bestünde doch deutlich.

          About 1,000 United States Air Force drone operators took part in the study, and researchers found that 4.3 percent of them experienced moderate to severe PTSD. In comparison, between 10 and 18 percent of military personnel returning from deployment typically are diagnosed with PTSD, the researchers wrote. — Agata Blaszczak-Boxe, “Drone pilots suffer PTSD just like those in combat“, Fox News, 22.08.2014.

        • An Nilson Crusoe:

          Hallo Nilson, ich fand Dein ersten Kommentar sehr interessant, weil er auf einige strittige Details einging, welcher im Text von Seka etwas in den Hintergrund traten, weil es beim Text nicht primär um die Argumente der Drohnengegner ging. Nach Deiner Kommentar auf Sekas’s Antwort kann ich Deinem moralischen Bewertungsansatz jedoch nicht zustimmen.

          Beim Begriff “Moral” driften wir in eine philosophische Auseinandersetzung ab, ob die Gesellschaft eine bestimmte Handlung in einer bestimmten Situation erwartet oder aus ethischen Gründen ablehnt. Eine solche Beurteilung ist deshalb sehr subjektiv, einem geschichtlichen Wandel unterlegen und von konkreten Rahmenbedingungen abhängig. Der Vergleich mit ABC-Waffen ist deshalb fehl am Platz, weil insbesondere Chemiewaffen international geächtet sind und somit ein Einsatz dieser Waffe in jeder Situation als unmoralisch definiert ist. Dies färbt auch auf die Beurteilung anderer Massenvernichtungswaffen ab.

          Bei Drohnen ist dies jedoch nicht der Fall: es handelt sich weder um ein autonom handelndes System, noch um eine Massenvernichtungswaffe und international ist ein solches System nicht geächtet. Wenn man den Einsatz der Drohne mit einem anderen System vergleichen möchte, dann müsste es dem Einsatz eines Kampfflugzeuges gegenübergestellt werden.

          Der Einsatz eines Kampfflugzeuges wird in Deutschland und der Schweiz (vermutlich auch international) nicht generell als unmoralisch eingestuft. Wenn ein Kampfflugzeug jedoch wissentlich ein Spital in Schutt und Asche legt, so ist dies unmoralisch und völkerrechtlich verboten. Dass die moralische Beurteilung einem geschichtlichen Wandel unterliegt, kann nicht als Argument verwendet werden, dass dieses System bereits jetzt (quasi präventiv) „geächtet“ werden sollte (Minority Report gesehen?). Ich sehe also bei der Anschaffung und beim Einsatz von Drohnen keine grundsätzliche moralische Vorbehalte.

          “Wenn man Drohnen derzeit vorrangig in Entwicklungsländern einsetzten kann, dort aber nicht plant militärisch zu intervenieren – dann braucht man eben keine Drohnen.”

          Wer sagt das? Drohnen können nicht nur als Waffe eingesetzt werden, sondern stellen ein hervorragendes Aufklärungs- und Beobachtungsmittel dar. In der Schweiz werden Drohnen beispielsweise vom Grenzwachkorps zur Überwachung der Schweizer Grenze eingesetzt. Der Einsatz der Drohnen durch das US-amerikanische Militär zeigt ausserdem das Gegenteil auf: Drohnen werden eingesetzt, wenn eben grad nicht militärisch interveniert werden soll. Ob das völkerrechtlich legitim ist, hängt vom konkreten Einsatz ab.

    • Das gefällt uns natürlich sehr! Wenn Sie auch einmal einen Artikel von Ihnen auf offiziere.ch veröffentlichen möchten, dann kontaktieren Sie uns auf [email protected]. Vorwissen bezüglich WordPress usw. ist nicht notwendig: Wir unterstützen Sie dabei tatkräftig.

      Mit freundlichen Grüssen
      Administrator

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